In der 37. Folge des Podcasts „Vom Feld ins Regal“ beschäftigen sich die Hosts Lara und Thilo mit dem weiten Meer und ihren Bewohnern. Mit den beiden Experten Julius Palm von followfood und Philipp Kanstinger von WWF sprechen sie über Kritik und Wahrheiten der Netflix-Dokumentation „Seaspiracy“. Der Faktencheck.

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Was ist dran an der Aussage der Dokumentation „Seaspiracy“ „Wer Fisch isst, zerstört die Meere“?

Julius Palm, Director of Sustainability and Innovation bei followfood, und Philipp Kanstinger, der für die Zertifizierung von Fisch und Meeresfrüchten bei WWF verantwortlich ist, haben einige Aussagen der Doku einem Faktencheck unterzogen. Die Antworten der beiden Fisch-Experten haben wir für euch zusammengefasst:

 

Aussage 1: Wenn die konventionelle Fischerei in Zukunft weiter so betrieben wird, gibt es 2048 keinen Fisch mehr.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass es in nur wenigen Jahrzehnten gar keinen Fisch mehr geben wird. Die Aussage im Film basiert auf einer Studie aus dem Jahr 2006, die mittlerweile von den Autoren selbst und anderen Wissenschaftlern korrigiert wurde. Tatsache ist aber, dass viele Fischbestände überfischt sind und weiter abnehmen. Etwa ein Drittel der kommerziell genutzten Fischbestände sind überfischt. Weitere 60 Prozent sind an der Grenze zur Überfischung und gelten als maximal befischt. Die Lage ist mehr als kritisch. Trotz der global starken Abnahme an Fischbeständen, gibt es aber auch einige Länder wie die USA, die die Bestände gut managen. Und es gibt Grund zur Hoffnung: marine Ökosysteme können sich relativ gut erholen, wenn man sie denn lässt.

 

Aussage 2: Zurückgelassene Fischernetze („Geisternetze“ genannt) und weitere Fangutensilien machen den Hauptteil der Verschmutzung der Ozeane aus.

Die Aussage basiert auf dem Prozentsatz der Fischereinetze in einem riesigen Müllstrudel im Nordpazifik, dem sogenannten „Great Pacific Garbage Patch“ und ist nicht auf die Meere insgesamt übertragbar. Geisternetze sind durch ihre Beschaffenheit ein großes Problem: als Fanggeräte sind sie extrem gefährlich für Meeresbewohner und sind so hergestellt, dass sie gut schwimmen und sich im Salzwasser nicht zersetzen. Betrachtet man den gesamten Ozean spielt die Menge an Hausmüll, der in die Meere gelangt, aber ein größeres Problem. Schätzungsweise gehen pro Jahr 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere (WWF 2020).

 

Aussage 3: Die kommerzielle Fischerei ist die größte Bedrohung für marine Ökosysteme.

Fakt ist, dass die kommerzielle oder konventionelle Fischerei der größte Störfaktor im von der Natur ausbalancierten Ökosystem Meer ist. Unsere Experten Julius Palm und Philipp Kanstinger kommen aber anders als die Dokumentation zu dem Schluss, dass nachhaltige Fischerei möglich ist. Die Dokumentation differenziert leider nicht zwischen den verschiedenen Fangmethoden. Selektives Fischen, das Jungtiere schont, würde Fischbeständen die Möglichkeit geben zu gesunden. Das passiert bisher aber viel zu selten. Das Problem: Fischerei ist zu einem großen Teil unreguliert und Kontrolle auf offenem Meer schwierig.

 

Aussage 4: Es herrscht eine Form von moderner Sklaverei auf hoher See.

Moderne Sklaverei ist in der Fischerei tatsächlich ein globales Problem. Viele der meist männlichen Fischer haben keinen Arbeitsvertrag und üben auf hoher See einen extrem gefährlichen Beruf aus. Mit mehr Kontrolle, wie zum Beispiel durch GPS überwachte Boote und sozialen Standards könnte den Fischern geholfen werden.

Die genannten sozialen und ökologischen Folgen der Fischerei sind beim Verkauf des Fischs nicht eingepreist. Für den Missbrauch an Menschen und Natur können nur sehr selten Verantwortliche haftbar gemacht werden.

 

Was haben wir sonst noch aus der Folge gelernt?

Siegel und Zertifikate, wie das MSC-Siegel, sollen die Wertschöpfungskette positiv verändern. Das MSC-Siegel achtet vor allem auf ökologische Kriterien und weniger auf soziale. Die Kontrollen sind bisher unzureichend. Eine bessere Alternative gibt es aber nicht, da dadurch immerhin Mindeststandards eingehalten werden, wo sonst unkontrollierte Fischerei betrieben werden würde.

 

Was können wir als Verbraucher*innen tun?

  • Setze dich mit den Fangmethoden auseinander und überlege dir, welche du davon vertreten kannst. Bei WWF, followfood und Greenpeace findest du Informationen dazu.
  • Achte bei deinem Kauf auf die Herkunft des Fischs und die Fangmethode.
  • Betrachte Fisch als Delikatesse.

 

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