Weltweit leiden Millionen Menschen unter prekären Arbeitsverhältnissen – von ausbeuterischer Kinderarbeit bis hin zu moderner Sklaverei. Politik, Wirtschaft und Verbraucher*innen sind gefragt, daran etwas zu ändern. Der Faire Handel zeigt seit 50 Jahren, wie nachhaltiges Wirtschaften funktioniert.

Eine lächelnde Arbeiterin aus Sri Lanka steht in einer Werkhalle und fertigt eine Spielzeugpuppe.
Mit guten Arbeitsbedingungen verhilft die Fair-Handels-Organisation Selyn in Sri Lanka insbesondere Frauen zu einem besseren Leben. © WeltPartner eG/Selyn

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) müssen weltweit rund 150 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren arbeiten. Sie schuften vor allem in der Landwirtschaft, aber auch im Dienstleistungsbereich, z. B. als Hausangestellte, und im industriellen Sektor, etwa in Minen. Ungefähr die Hälfte dieser Kinder verrichten gesundheitsgefährdende Tätigkeiten. Rund 40 Millionen Menschen werden als moderne Sklav*innen ausgebeutet – sogar in Europa, wenn man beispielsweise an die Arbeitsbedingungen von Migrant*innen im Obst- und Gemüseanbau in einigen Regionen Südeuropas denkt. Und mehr als 760 Millionen Menschen weltweit leben in extremer Armut – viele davon trotz harter Arbeit, die aber kaum zum Überleben reicht. Die Corona-Pandemie hat einmal mehr gezeigt, dass auch in Deutschland Jobs bei Paketdiensten oder in Schlachthöfen an Ausbeutung grenzen und viele Beschäftigte in sozialen Berufen nicht die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen.

Die Gründe für diese Missstände sind vielfältig. Ein wichtiger Faktor ist unser Wirtschaftssystem, das allzu häufig Konzernprofite vor die Interessen von Menschen und Umwelt stellt. Hinzu kommen ungleiche Machtkonstellationen sowohl zwischen Unternehmen in internationalen Lieferketten, aber auch im Verhältnis zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen. Die ausweglose Situation vieler Arbeitnehmer*innen und Tagelöhner*innen spielt dabei eine große Rolle. Sie müssen aufgrund ihrer Armut oder der vermeintlichen Rechtlosigkeit als Migrant*innen ohne Papiere oftmals jede Arbeit annehmen. Schließlich wirkt sich auch unser Konsumverhalten auf die Arbeitsbedingungen aus, wenn niedrige Preise wichtiger sind als eine faire Produktion.

Strategien zur Schaffung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen

Die Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bezeichnet menschenwürdige Arbeit als einen entscheidenden Faktor für die Bekämpfung der Armut und für eine gerechte Gestaltung der Globalisierung. Sie hat acht Kernarbeitsnormen verabschiedet, in denen grundlegende Arbeitsrechte definiert sind, wie zum Beispiel die Abschaffung der ausbeuterischen Kinder- und Zwangsarbeit, die Vereinigungsfreiheit, das Verbot von Diskriminierung sowie der Grundsatz, dass für gleiche Arbeit die gleiche Entlohnung zu zahlen ist. Obwohl diese Kernarbeitsnormen von 140 aller 193 Staaten weltweit ratifiziert wurden und somit rechtlich bindend sind, wird tagtäglich gegen sie verstoßen.

Auch die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG, Agenda 2030), die 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurden, nehmen den Faktor Arbeit in den Blick. Das achte der insgesamt 17 Ziele fordert unter anderem, menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum für alle zu fördern.

Der Faire Handel stellt den Menschen in den Mittelpunkt

Auch der Faire Handel bezieht sich auf die Kernarbeitsnormen der ILO, aber er geht einige Schritte weiter. Denn die Philosophie des Fairen Handels besteht nicht darin, „nur“ die schlimmsten Auswüchse menschenunwürdiger Arbeit zu unterbinden. Stattdessen geht es darum, den Menschen am Anfang der Lieferketten auf Augenhöhe zu begegnen und die Regeln des Handels so zu gestalten, dass ihnen ein selbstbestimmtes Leben und Arbeiten in Würde möglich ist. Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Faire Handel im Laufe seiner 50-jährigen Geschichte ein breites Instrumentarium entwickelt. Dazu zählen zum Beispiel:

  • Höhere und verlässliche Einkommen
  • Transparente Lieferketten
  • Langfristige Zusammenarbeit
  • Geschlechtergerechtigkeit
  • Politische Arbeit
  • Sicherung der Rechte von Kindern

Dabei legt der Faire Handel einen Schwerpunkt auf Kleinbäuerinnen und-bauern sowie Kleinproduzent*innen. Ihre Selbständigkeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit will der Faire Handel ebenso fördern wie eine ökologische und ressourcenschonende Produktion. Ziel ist es, die größtmögliche Selbständigkeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Kleinproduzent*innen zu erreichen sowie deren Ernährungssicherheit zu gewährleisten und die Landflucht zu verhindern. Für rund 2,5 Millionen Kleinproduzierende und ihre Familien und Gemeinschaften schafft der Faire Handel so konkrete Verbesserungen ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Dass internationaler Handel gerecht und zukunftsfähig gestaltet werden kann, zeigt der Faire Handel bereits seit 50 Jahren in der Praxis. Die zugrundeliegenden Grundsätze und Instrumente können der Politik als Leitlinien dienen, wie gerechtere Regeln für den Welthandel aussehen können. Für die nächste Legislaturperiode fordert die Fair-Handels-Bewegung von der Politik daher unter anderem,

  • existenzsichernde Löhne und Einkommen weltweit zu fördern;
  • die menschenrechtliche Sorgfalt für Unternehmen auf nationaler, EU- und UN-Ebene wirksam und verbindlich durchzusetzen;
  • Handelspolitik fair zu gestalten;
  • globale Klimagerechtigkeit herzustellen;
  • sowie soziale und ökologische Kriterien zum Standard bei der öffentlichen Beschaffung zu machen.

Der Faire Handel lädt ein mitzugestalten

Neben Politik und Wirtschaft sind alle Menschen gefragt, den eigenen Lebensstil und das eigene Konsumverhalten zu reflektieren und neue Handlungsoptionen zu entdecken. Unter dem Motto „Zukunft fair gestalten“ lädt die Faire Woche vom 10. bis 24. September dazu ein, den Fairen Handel und seine Hintergründe kennenzulernen. Mehr als 1.600 Veranstaltungen bundesweit rücken das Thema der menschenwürdigen Arbeit in den Fokus. 

 

Werbebanner der Fairen Woche mit der Aufschrift "Zukunft fair gestalten". Daneben steht eine Person auf einer Leiter. In einem orangefarbenen Kasten steht der Hashtag fairhandeln für Menschrechte weltweit.